So arbeite ich

Mein Medium ist Seide in ihrer unerschöpflichen Vielfalt. Sie ist das vielseitigste Medium für künstlerische Artikulation, das ich kenne. Seit über 40 Jahren arbei-te ich daran, diesem faszinierenden Material immer wieder neue Möglichkeiten bildnerischer Ausdrucksformen zu entlocken.

Dabei tritt die traditionelle Seidenmalerei völlig in den Hintergrund und dient nur als Grundstruktur oder ein Farbgebungselement unter anderen. Die Vielfalt der Oberflächenstrukturen und Webarten reizen mich zu immer neuen Experimenten.

So benutze ich grob strukturierte Seide wie Lein-wand und bemale sie mit selbst angefertigter Eitempera aus Mineralpigmenten. Diese Malerei, kombiniert mit 18 Karat Blattgoldauflage, hat eine ungewöhnlich angenehme warme Ausstrahlung. Solche Bilder erhalten mitunter einen Kontrast Effekt dadurch, dass ihre Bildfläche aufgebrochen und eine Collage mit kommunikativem Inhalt eingebaut wird. Dabei verwende ich meist The-men, die dem Bestreben, eine Aussage zu machen, nachkommen: Frieden, Freiheit, Erinnerung, Vergangenheit, Zeit, Erdbeben ... Ebenso dient diese Art der Gestaltung auch rein ästhetischen Bedürfnissen, verbunden mit dem Spielen und Experimentieren mit Farben, Formen und kalligrafischen Elementen. Andere Arbeiten sind geprägt von der Freude an Farben, expressiv und von individueller Motorik bestimmt wie "Farbrausch", "Ekstase", "Rot lebt"... Eine weitere Gestaltungsform finde ich in der Verarbeitung ver-leimter Seiden zu Skulpturen; besonders reizvoll ist es für mich, die Seide mit fremden Materialien wie Eisen oder Holz zu verbinden.

Da Seide ja ein textiles Material ist, das im organischen Aufbau das Textil ist, das der menschlichen Haut fast gleicht, bietet sich die künstlerische Gestaltung von Gebrauchstextilien an. Accessoires wie Tücher, Schals, Krawatten und Mode bieten Tragekomfort mit höchsten Ansprüchen. Kunstvoll gestaltet, sind sie an Exklusivität nicht zu übertreffen. Im Sinne von Walter Gropius, dem Bauhausgründer, bemühe ich mich, dem "Zusammenspiel von Funktionalität und künstlerischer Gestaltung von Gebrauchsgegenständen" gerecht zu werden. Deshalb findet man auf meinen Tüchern und Schals sehr selten gegenständliche Motive. Die Funktion dieses Accessoires ist die Farbwirkung am Hals einer Trägerin gerafft oder verschlungen - nicht als gerade gehaltenes Bild. Farbkomposition plus Musterung plus Seidenstruktur müssen eine optisch ansprechende Einheit bilden.

Seit einigen Jahren entdeckte ich für mich die reizvolle Kombinationsmöglichkeit von Wolle und Seide. Beide sind tierische Produkte und in gleicher Weise farblich zu ge-stalten. Wobei die gefilzte Wolle dreidimensionale Mög-lichkeiten bietet und damit meiner persönlichen Liebe zum Hut neue künstlerische Aspekte eröffnet. Und auch hier gilt: künstlerische Artikulation und Exklusivität müssen im Einklang stehen zu hochwertigem Material und Funktionalität.

Ähnlich reizvoll ist die Verbindung von Seide und Wolle bei der Gestaltung von Wandobjekten, in die wieder Blattgold und Fremdmaterialien eingearbeitet sind wie z.B der Bremsklotz eines Autos im Objekt „Der goldene Schlüssel“

 

Beim Erkunden neuer Möglichkeiten, mit Seide zu experimentieren, entdeckte ich das Embellishing oder Punchen. To punch heißt lochen oder stanzen, womit ursprünglich ein Lochkartensystem zum Maschinen-sticken gemeint war. Es gibt Maschinen mit fünf oder zwölf Widerhakennadeln, mit denen textile Flächen oder Fasern ohne Nähfaden zusammengefügt werden können. Wenn Wollfasern benutzt werden spricht man auch von „Maschinenfilzen“.

Diese Technik habe ich für mich entdeckt und sowohl Wollfasern, Seidenfasern als auch textile Flächen zur Gestaltung eingesetzt. Die selbst eingefärbte Seide ermöglicht sehr differenzierte Farbnuancen, fast wie wenn gemalt wird.

 

Vgl. meinen Aufsatz in der Zeitschrift "textilkunst international 2020", Heft 3, S. 150‒156, hier abgedruckt unter „Meine Publikationen“.


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© Elisabeth Schwinge